|
| mircea lacatus |
| |
| wien zu meinen füßen |
| |
| aus dem rumänischen von
aranca munteanu |
| |
heute zog ich die warmen bergschuhe
und
den von dir gestrickten pullover an
und ging auf die straße hinaus meine schulter
waren breiter als das schönbrunn
ich schritte vorsichtig um die so alten
und schöner häuser nicht umzuwerfen
vor allem war ich darauf bedacht mit
meinen gelben bergschuhen die menschen
nicht zu zerquetschen die zum bahnhof oder
zum flughafen unterwegs waren
viele gingen in richtung städtisches krankenhaus
diejenigen die schmerzen hatten gingen gekrümmt
andere gingen auf besuch
blumen und in glitzerpapier gewickelte bonbons in den händen
sie schienen es nicht wirklich eilig zu haben
auf den fersen drehte ich mich dann um
das eine bein im prater das andere am karlsplatz
tat zwei schritte gegen westen
und setzte mich auf dem kahlenberg füße im wasser
die donau umspülte knapp die sohlen meiner schuhe
mit der hand schob ich ein paar schlepper an
die sich donauaufwärts abmühten
nach tulln die kleine stadt an deren bahnhof
mein guter feind egon schiele geboren wurde
er starb an spanischer grippe
erst drei jahre später wurde mein vater geboren
ich war hungrig geworden und eins-zwei-drei
sprang ich über den strom und ging nach hause
ich denke es wäre gar nicht gut
wenn meine bergschuhe und mein pullover
je in fremde hände kämen |
| |
|
Wien, 2006 |
|